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    June 30th, 2011

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    June 30th, 2011

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    Advent Advent, mein Hut der brennt
    Ein Schiss, genügend Klopapier
    Schon steht das Christkind vor der Tür
    Das leg ich flach...

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    June 22nd, 2011

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    Kinaski hat nen Witz gerissen/
    Die Raucherin lachte beschissen.


    http://www.youtube.com/watch?v=aqq6CITB59Y

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    June 17th, 2011

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    Wahrscheinlich sind wir blumengeil!

    »Tja, Costa Rica«, so Willi, ein dürrer Koch mit Drahtbrille und Hakennase, »das waren Zeiten. Sie wollen mich zurückhaben auf unserer Plantage...aber was ist dann mit meinen 800 Kröten Stütze? Die bekomme ich dort nicht. Hier schon. Nein, ich muss das hier aussitzen. In zwei Monaten hab ich Kur, dann, hoffe ich, es wird mit der Frühpension etwas. Die schicken sie einem um die ganze Welt. Die Stütze nicht.« Er führte seine nikotingelben Finger mit der Zigarette zum Mund. Das dreihundert Euro Zimmer war klein. Auf dem Kunstparkettboden lagen seine Malereien - ungerahmt, eine über der anderen. Sie waren aus dem Jahre Schnee. Willi malte schon lange nicht mehr. Seit der Geschichte mit seinem Kreuz kochte er auch nicht mehr. Er saß den ganzen Tag in seinem Zimmer und redete mit den Leuten die ihn besuchten. Das war es, was er tat: sitzen, qualmen, saufen und reden. Bis er besoffen auf sein Bett kippte, an das der kleine Tisch geschoben war, an dem seine illustren Gäste saßen. Einschließlich mir. Ich schaltete dann meist das TV aus und schloss die Tür. Als einziger in diesem Boarding-Haus am See, verschloss er seine Bude nie. Bei ihm war immer Tag der offenen Tür. Man kam und ging. Wenn man seinen billigen Tetrapack-Wein nicht mochte, brachte man selber Wein in Flaschen mit. Oder Härteres. Wenn es das Wetter zuließ, saß man am winzigen Balkon mit seinen Hanf- und Tomatenpflanzen, sowie den vielen kleinen Töpfchen mit frisch sprießenden Gewürzpflanzen. Als Koch verarbeitete er diese Dinge gerne frisch. Als ihm eine Woche vor dem Zahltag das Geld ausging, appellierte er an mich, in die Schwämme zu gehen. Jo hätte ein Auto. Er selber kenne die besten Herrenpilzgründe. Ich sagte zu. Der Herrenpilzgrund erwies sich als Reinfall. »Da oben gibt’s vielleicht Eierschwammerl«, meinte Jo und deutete über eine steile Kuhwiese. Wir arbeiteten uns an einem Hang hoch, den die Kühe zerstampft hatte. Wasser stand in den Löchern, die von ihren Hufen herrührten. Einer von Willis Cowboy-Stiefeln blieb in einem sumpfigen Loch stecken. Als er ihn herausziehen wollte, fiel er der Länge nach in den Dreck. Es begann zu regnen. Wir gaben auf und setzten uns unter das Dach eines Heustadels, der grau und verlassen am Hang stand.
    Willi holte den Tetrapack-Wein aus dem Rucksack und trank. Für einen Schwammerl-Sucher sah er ungewöhnlich verdreckt aus. Der erste Schluck gab ihm seine gute Laune zurück.
    »Da oben gibt es vielleicht wirklich Eierschwammerl«, meinte Jo.
    »Ach, vergiss es. Scheiß auf die Herrenpilze, scheiß auf die Eierschwammerl«, sagte Willi.
    »Warum auf einmal?«, wunderte sich Jo. »Ja, du warst doch die treibende Kraft«, setzte ich hinzu.
    »Ich werde euch was verraten«, sagte Willi und grinste das Grinsen eines Menschen, der mit dem Leben zufrieden ist, weil er nichts mehr zu verlieren hat: »Mir tut das verdammte Kreuz weh, ich sehe aus wie ein Schlammcatcher und wahrscheinlich bin ich ja sowieso blumengeil.«
    »Oder wir alle«, bemerkte Jo trocken und begann sich einen Joint zu drehen.

    Fin

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    October 19th, 2010

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    Dr. Filth und das Licht


    So hätte es nicht enden müssen, sagte jedermann, als man den Rasenden in die Geschlossene gebracht hatte. Niemand teilte mit Filth, was er selbst in den letzten Tagen seiner mündigen Existenz angenommen zu haben schien: der Natur des Lichts nahe, und selber Gott zu sein. Ein 44jähriger Gott, mit durch exzessiven Haschkonsum über Nacht grau gewordenem Haar, bewaffnet mit den Insignien des Intellektuellen: Hornbrille und Pfeife. Alfred Filth graste schon früh über die saftigen Wiesen seines Metiers, die Psychologie, hinaus - so wollte es sein Scharfsinn. Ehe Vater Staat den Rasenden unter seine Fittiche nahm, hatte er eine abenteuerliche Pyramidentheorie kreiert, die niemand interessant oder lehrreich gefunden hatte, ein Buch über Elfen geschrieben, das niemand las, und einen Ladenhüter über das Thema Nahtod verfasst. Pikiert über so viel Ignoranz hatte er sich schlussendlich, wie er fest meinte, dem Thema aller Themen zugewandt: der Natur des Lichts. Wer konnte ahnen, dass er mit diesem Schritt den Untergang seiner bürgerlichen Existenz einleitete, in die Klapse kommen, und zum Schaden auch noch den Spott haben würde? Dabei wog sich Filth in Hausbesitz! Beriet in seinem Beruf wracke Familien, die besser im Hades der Nichtexistenz verblieben wären, und sahnte ab, indem er seine Ratschläge ausgoss- Tropfen auf die glühenden Steine, familiären Wahnsinns! Doch nicht um sein Metier, das er nach Windhundmanier beherrschte, und wohl auch deshalb etwas verachtete, geht es hier, sondern ums liebe Licht, seine Natur und sein Opfer. Das erste Opfer war allerdings nicht er selbst, sondern die drei Jahrzehnte währende Freundschaft zu Franz, dem Web-Designer. Und so spielte es sich ab. Ich stand mit Franz, schwatzend und bechernd, an einem der Stehtische des FAD, eines Kufsteiner Szene-Lokals, das mittlerweile die Luken dicht gemacht hat. Wie es nun im Einzelnen zuging, weiß ich nicht mehr, Franz erzählte mir jedenfalls eines Tages von einer Verstimmung zwischen ihm und Alfred Filth.
    »Also wieder einmal«, sagte ich.
    »Nein. Diesmal ist es etwas Substantielles.«
    »Also ein wirklicher Ehekrach.«
    »Ja. Und noch mehr. Er spricht mir eigentlich die Existenzberechtigung ab.«
    »Oho. Deine gesellschaftliche, künstlerische, oder intellektuelle?«
    »Alle drei. Hör her. Alfred forscht ja seit Neuestem zur Natur des Lichts.«
    »Oha.«
    »Ja. Und vor einigen Wochen steckte er mir, er wäre auf dem Weg diese tatsächlich zu erklären.«
    »Ah- so wie das Geheimnis der Pyramiden aufdeckte, damals? Oder die tatsächliche Existenz von Elfen?«
    »Ja. Ich sage ja auch: Schuster bleib bei deinen Leisten, und das kann nichts werden. Aber seine Grundidee war faszinierend, und am nächsten Tag kam ich hier im FAD zufällig mit einem Physikstudenten aus Heidelberg ins Gespräch. Ich erzählte ihn von Alfreds kühner Idee, und der meinte, sein Doktorvater in Heidelberg, hätte genau dieselbe Idee gehabt, und zwar schon vor drei Jahren.“
    »Na, dann: der jüngste Tag in der Geschichte der Physik ist endlich angebrochen!«, sagte ich feierlich, und erhob mein Glas.
    »Ja, ja. Hör her. Was ich nicht wissen konnte. Der Student hat davon seinem Doktorvater erzählt, und der hat Alfred vor einigen Tagen eine geharnischte Mail geschickt, von wegen Plagiat und so weiter. Und jetzt schreibt mir der Trottel eine SMS, ich hätte seine phantastisch Idee zur Natur des Lichtes ausgeplaudert, an einen Studenten in Heidelberg. Prompt hätte sich ein dortiger Physiker eingeschaltet, und diese Idee für sich reklamiert.«
    »Das ist doch Blödsinn.«
    »Alfred sagt nein. Er hätte die Idee früher gehabt. Der Student hätte sie geklaut, und der Doktorvater stelle sie nun als die seine hin. Und die Schuld an dem Schlammassel trüge ich. Die beiden Narren könnten sich ja zusammensetzen und schauen was an ihren Ideen dran ist, nicht. Stattdessen pflaumt dieser Heidelberger Alfred an und Alfred mich."
    »Was ist denn sein Grundgedanke? Oder unterliegst du jetzt einem Schweigegebot?«
    »Bist du verrückt? Ich lasse mir doch nicht den Mund verbieten von dem Trottel. Ich habe das meiste eh vergessen. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich diesem Studenten erzählt hab. Der Kerngedanke ist aber der: da Licht mit Lichtgeschwindigkeit reist, vergeht keine Zeit. Licht ist zeitlos. Also gäbe es nur ein Photon.«
    »Eines.«
    »Ja.«
    »Ein einziges, läppisches Photon?«
    »Ja.« Franz blickte unglücklich.
    »Na, dann grüß Gott, Frau Kompott.«
    »Alfred sprich von seiner Lichttheorie übrigens wie Gott. Und Gott schmollt seit meinem Fauxpas der gar keiner ist.«
    »Aha. Gott. So was muss er wohl sein, wenn er die wahre Natur des Lichtes erkannt hat. Denn damit wäre er mit seinen 44 weiter als Einstein mit 70. Soll ich ihn zitieren?«
    »Wenn es unbedingt sein muss.«
    »Sinngemäß sagte Einstein: Seit 50 Jahren grüble ich nun darüber nach, was ein Lichtquant sei, und weiß es noch immer nicht. Heute glaubt jeder Lump, er wüsste es - aber er weiß es nicht.«
    Franz lachte.
    »Das hat er gesagt? Übrigens. Findest du nicht, dass ich ihm etwas ähnlich sehe?«
    »Du? Einstein? Ja, in gewisser Weise. Die fleischige Nase passt, die Zauselfrisur... Einstein schnarchte übrigens.«
    »Ich auch«, lachte Franz.
    »Ich weiß.«
    »Woher?«
    »Wurscht. Und er litt an entsetzlichen Schweißfüßen.«
    »Ich nicht.«
    »Bist du dir da sicher?«
    »Ja.«
    »Auf Zahnputz verzichtete Einstein ebenfalls.«
    »So ein Ferkel. Oh - wenn man von Genies spricht. Da kommt er, der einzige Mensch auf Erden, der die Natur des Lichts erkannt hat.«
    Alfred stach, uns bemerkend, aber ignorierend, direkt auf die Bar zu. Dort bestellte er sich etwas, gestikulierte mit seiner Pfeife, während er sich die Hornbrille hektisch zurecht schob. Er sprach sehr intensiv mit Hans dem Kellner, obwohl ich mir sicher war, dass der weder etwas von Licht verstand, noch wissen wollte.
    Etwas später kam Filths Frau, Susi, und diese stellte sich zu uns.
    »Ich komme als Vermittlerin, Franz. Alfred will, dass du ihm eine Website machst. Nichts Großes. Eigentlich nur ein Logo. Einen Rahmen. Diesen Schnickschnack halt.«
    »Gerne. Aber, nur gegen Barzahlung. Und Jehova müsste schon herab steigen von seinem Thron, und mit mir selber reden.«
    »Ha, jetzt weiß ich an was mich Alfred stets erinert hat. An einen Zeugen Jehovas!«, rief ich.
    »Ja«, konterte Franz, schlagfertig: »Nur ist er Jehova und der Zeuge in einem.«
    Wir lachten.
    Susi, die das nicht witzig fand, ging zu Alfred, und dann standen die verkrachten Schulfreunde nach Wochen gegenseitiger Nichtbeachtung wieder an einem Tisch.
    »Also, Franz, ich habe mir das so vorgestellt«, begann der Filth ohne Umschweife. Man fühlte, er wollte sachlich bleiben.
    Alfred legte das Blatt eines Computerausdrucks auf den Tisch.
    »Was ist das?«, fragte Franz.
    »Die Einleitung meiner Abhandlung zur Natur des Lichts.«
    »Und warum sind die anderen Zeilen alle geschwärzt?«
    »Na, damit kein Unberufener sie liest, Franz«, sagte Alfred und lachte meckernd.
    Seine Frau Susi lächelte.
    »Und was soll ich machen?«, fragte Franz.
    Alfred sagte es ihm.
    »50 Euro«, sagte Franz - auch er blieb sachlich.
    Alfred, holte seine Gazellenledergeldbörse aus der Hintertasche seiner Levis, zupfte einen Fünfziger, dem man ansah, dass er frisch gezogen war, hervor, und reichte ihn Franz. Der ließ ihn in der Innentasche seines Sakkos verschwinden.
    »Also wo willst du das Logo? Wie in etwa soll es aussehen?«
    »Ich schicke dir die Seite in deinen Computer.«
    »Mit den geschwärzten Zeilen?«
    »Ja, selbstverständlich, Franz, was glaubst du? Wenn du da was liest, verrätst du mir ja wieder alles.« Alfred meckerte und warf seiner Frau einen Verschwörerblick zu.
    »Wieso lässt du diese scheiß Zeilen dann nicht überhaupt weg?«, fragte Franz gereizt.
    »Na, du sollst doch sehen, wo der Text steht, Franz«, erklärte Alfred von oben herab. Er meckerte erneut.
    »Da hätte ein einfacher Rahmen genügt. Dieser geschwärzte Text ist einfach lächerlich. Und wieso soll ich ihn nicht lesen?«
    »Ich weiß, das würdest du gerne, was?«
    »Ja. Weil du nicht die Bibel neu schreibst. Es ist ein Text. Es ist nicht... aber Scheiß drauf, Alfred! So warst du schon immer! In der Schule schon! Ja, Susi, hör ruhig zu! Immer hattest du irgendeinen kabbalistischen Scheiß laufen, und wenn ich dich fragte, um was es geht, hast du genauso beschissen-überheblich gemeckert wie jetzt. Und lügen tust du auch!«
    Alfred Filth und seine Frau Susi blickten konsterniert. Franz fuhr fort:
    »Ja. Lügen. Bei deinem letzten Elternvortrag hast du behauptet, wenn sie Messer bei ihren Schulkindern finden, muss keine Welt einstürzen, du hättest auch immer ein Messer bei dir getragen als Schüler. Du hast nie ein Messer dabeigehabt, geschweige eines gezogen, wenn es brenzlig wurde. Gespuckt hast du, Alfred! Gespuckt!«
    »Ja, ja, aber das ist jetzt wurscht. Also ich hätte das Logo gerne da. Es soll ein stilisiertes Photon darstellen.«
    »Ein stilisiertes Photon. Hans, noch ein Achtel«, rief Franz.
    Der Kellner registrierte es.
    »Und wie hättest du dein stilisiertes Photon denn gerne?«, fragte Franz.
    Alfred zückte seinen goldenen Füller, und brachte seine Vorstellung mit einigen ungelenken Strichen zu Papier, während ich einige Worte mit Susi wechselte.
    Doch bald waren wir wieder bei den beiden Streithähnen.
    »Nein, nein, nein. Es ist völlig überflüssig«, sagte Alfred, »würdest du den Text lesen, dränge das wieder bis nach Heidelberg durch. Außerdem würdest du ihn eh nicht verstehen.«
    »Scheiße, meine Graphik wird einfach besser sein, wenn ich weiß um was geht!«, brüllte Franz. Seine Nerven lagen blank.
    »Na ums Licht«, sagte Alfred und lachte meckernd in Richtung seiner Frau.
    Da hatte ihm Franz schon den Wein ins Gesicht geschüttet.
    Der Freundes-Eklat, die finale Pietätlosigkeit war geschehen.
    Alfreds Kopf ruckte zurück und vor meinem inneren Auge sah ich den Doktor und den Web-Designer sich schon am Boden wälzen - gewissermaßen in freundschaftlicher Umarmung. Doch Alfred beherrschte sich. Seine Brille putzend, beschränkte er sich darauf, seinen Unmut in Worten Luft zu machen.
    »Also, so etwas Primitives! So etwas ist mir noch nie passiert. Das tut nur ein Alkoholiker. Das tut nur ein Alkoholiker! Du bist am Ende, Franz! Abgehalftert, eine künstlerische Leiche! Und ein menschliches Wrack noch dazu! Und die 50 Euro kannst du auch vergessen.«
    »Ha, ha - die hast du mir schon gegeben«, freute sich Franz.
    »Wie? Wurscht. Komm, Susi, wir gehen. Und der Primitivling da war die längste Zeit mein Freund.«
    »Ja, geht, geht, geht!«, rief Franz den beiden nach und bekam nun sein Achtel von Hans. Der hatte die Szene beobachtet, und fragte amüsiert: »Soll ich gleich noch eines bringen?«
    »Nein. Das trinke ich«, sagte Franz und setzte ruhiger hinzu: »Aber so zügig, dass du mir nun doch ein neues bringen darfst.«
    Damit stürzte er es hinab. Das war der Zwischenfall im FAD. Einige Monate später begann Filth, den Eingangs erwähnten Unflat in das Telefon zu reden, erschreckte und beleidigte seine imbezilen, analphabetischen Klienten und das Ganze wurde ruchbar. Eine analphabetische Mutter reichte Klage gegen den Doktor wegen Beleidigung ein(ich glaube er nannte sie am Telefon eine gewalttätige, analphabetische Sau). Vor Gericht begann Filth von rosigen Lichtern zu reden. Und dem alleinseligmachenden Photon. Der Richter rief ihn zur Ordnung, doch Filth war nicht zu stoppen. Roh am weiterreden gehindert, versuchte Filth mit seinem Feuerzeug einen Vorhang in Brand zu setzen, warf mit seiner Pfeife nach den herbeigerufenen Polizisten, wurde auf den Posten gebracht, raste dort in einem fort, beleidigte die Beamten, sang, pfiff und zum guten Schluss wusste man sich keinen anderen Rat, als ihn in die Geschlossene zu stecken. Dort sitzt er heute noch, zeichnet, macht Gedichte (hauptsächlich zur Natur des Lichts) und wird ab und zu von seiner geschiedenen Frau besucht, mit der ich übrigens bald danach eine Affäre hatte. Der gingen bei mir in der Falle die unterschiedlichsten Lichter auf. Sexuell meine ich. Und ich brachte sie zum Lachen. Indem ich z.B. Einsteins Kinderstimme imitierte und sagte: »Seit fünfzig Jahren grüble ich nun darüber nach, was ein Lichtquant sei, und weiß es immer noch nicht. Heute glaubt jeder Lump, er wüsste es - aber er weiß es nicht.«

    Ende

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    October 7th, 2010

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    Kinaskis 119. Traum!


    Als ich mit einem Wodka-Brummschädel erwachte, roch das zerwühlte Bett nach Schlampe. Aber da war nur ich. Vor den Fenstern musste es prallhell sein. Grelle Lichtfinger stachen durch die Löcher des zerschlissenen Vorhangs. Ich griff mir, trotz der sommerlichen Temperaturen, die Wollmütze und zog sie über mein Gesicht.
    Ah, ja…Dunkelheit- das tat gut. Ich lag eine gute Weile da und fühlte nichts: keinen Lebensbefehl, kein Motiv…null…So müssen sich Depressive fühlen, die des Morgens plötzlich nicht mehr hoch kommen, dachte ich mit leichtem Gruseln. Doch ich war nicht depressiv. Ich würde hoch kommen. Ich wartete. Der erste klare Gedanke den ich fassen konnte, war der an Baby Bulldog und die Dauerparty in seiner Bude. Ich sah Eva die Zeugin Jehovas wieder vor mir. Ob Eva für den Schlampengeruch in meinen Lacken verantwortlich war? Nein sie roch anders. Eva, ha. Welch eine Wachsfigur. Bulldog hatte sie völlig neu geknetet, und ihre religiöse Brunst in die Brunst nach dem Alphatierchen verwandelt. Und das Alphatierchen war natürlich Bulldog. Sepp Schweinhuber mit bürgerlichen Namen und ein Nazi reinsten Wassers.
    Ein facettenreicher noch dazu! Fast so etwas wie ein Nazi Kosmopolit. Hatte ich bei ihm das Wesen aufgegabelt, dessen Aroma mich umgab? Oder Moment. War das eine Chatbekanntschaft? Ich hatte mich gestern im FUNNET aufgehalten: Ein Pool von notgeilen Teenies und allein erziehenden Jungmüttern mit sexueller Torschlusspanik. Wie konnte man nur so saufen, dass man am nächsten Tag keinen tau mehr vom genauen Verlauf des Abends hatte?
    Ich starrte durch das Strickmuster der Wollmütze an die Wand. In meiner Singlebude hingen keine Bilder. In verkatertem Zustand verwirren die nur. Weiße Wände, die taten gut. Das einfache, das Leere, die Wüste. Das waren die Dinge, die ein von Alkohol angeschlagenes Gehirn benötigte, um wieder klar zu werden. Die Klarheit der Stille. The sound of silence...Der Handywecker wurde lebendig. Der programmierte Männerchor sang:
    „What shall we do with the drunken loser, what shall we do with the drunken loser, what shall we do with the drunken loser early in the morning…”
    Mit einem Fluch riss ich mir die Mütze herunter und tastete in der zerwühlten Bettwäsche nach dem Ding…dabei sah ich: meine Hand war blutig. Doch es war nicht mein Blut. Vor allem wirkte es irgendwie…ja es war nicht geronnen…nur eingetrocknet…ganz wie..., oh Schreck: Menstruationsblut… Der Handy war unerbittlich: „What shall we do with the drunken loser, what…“
    Ich fand den Störenfried, brachte ihn zum Verstummen und sah, dass ich eine Nachricht hatte. Rufnummer unterdrückt, hm. Ich rief sie ab. Eine weibliche Stimme wurde hörbar. Sie war mir unbekannt, doch zugleich klang sie vertraut. Sofort war ich in das warme Timbre verliebt.
    „Hi, du. Alte Suffnase. Es ist 15 Uhr am 22. November 2063. Heute geht die Party weiter. Baby Bulldog will seine Partei gründen. Im Schatten der Klimakatastrophe will er den neuen Menschen heranzüchten. Er sagt die Frucht sei reif. Und Terror bringt die reife Frucht zum Platzen. Ich lache mich schlapp. Witzig wird es auf jeden Fall. Du weißt ja, wie es bei Bulldog zugeht. Würde mich anturnen wenn du auch wieder kämst. Es war toll mit dir. Mein kleiner, böser Sado-Schlingel.“
    „Was zur Hölle…“, stieß ich hervor. Ich war verwirrter denn je. Ich stand auf und fand mich vollkommen angezogen: nur der Hosenladen stand offen. Zwischen den Zähnen des Reißverschlusses baumelte sinnlos der kleine Mann. Ich trottete ins Bad und wusch ihn. Ich wusch meine Hände. Etwas Mundhygiene folgte. Vor den verschmierten Fensterscheiben wütete die Sonne. 31 Grad. Und das Ende November. Ich briet mir Eier und Schinken, während das ramponierte Flach-TV in der Kühlschranktür die Nachrichten brachte. Die Stentorstimme des onkelhaften, äußerst gepflegten Newsman sagte: "...ist wieder eine Pazifikinsel versunken. Es handelt sich um das Atoll Crankow 9. Die Bewohner waren schon vor zwei Wochen evakuiert worden. London: Die World Rifle Watch, WRW veröffentlichte ihren diesjährigen Bericht. Demnach gibt es 3 Milliarden Handfeuerwaffen auf der Welt, bei einer Bevölkerung von 7 Milliarden. Afrika: Die Strahlenwerte in der Sahara sind seit dem dortigen Reaktorunglück vor zwei Jahren zum ersten Mal wieder leicht gesunken. Gefahr für Europa durch Saharawinde besteht laut Experten nicht. New York:
    Der Rapper Sidestepper ist nach einem Jahr hinter Gittern wieder frei. Er hatte mit einer Farbkugel-MG auf eine Horde Paparazzi geschossen. Erschwerend war hinzugekommen, dass die Kugeln mit Chloroform präpariert gewesen waren. Europäische Union: Durch technische Probleme wird Ausgabe der Essenmarken an das Arbeitslosenheer um einen Tag verschoben. Wien..."
    Ich hörte nicht mehr hin, aß und setzte meinem Schlapphut auf. Bei rasiertem Schädel und dieser lastenden Sonne ein Muss. Außerdem führte mein Weg durch das Autonomen-Viertel. "Red Rudi" nannten sie es. Nach irgendeinem Kommunisten Freak aus dem 20 Jahrhundert. Und dann ihre ewigen Che-Tattoos. Jedenfalls: die Autonomen bewarfen alles was ne Glatze hatte aus den Fenstern ihrer besetzten Häuser mit Müll. Sogar mit alten Blumentöpfen in denen sie ihr schreckliches Hanf zogen. Egal ob man Nazi war, oder Kosmopolit, wie ich. Diese Dumpfbacken machten da keinen Unterschied. Eine Glatze reichte.

    2


    Ich trat hinaus in diese trotz der großen Katastrophe und aller Blutrünstigkeit so entsetzlich eintönige Welt. Uff! So wenig hatte mich unser alter Pferdeapfel noch nie interessiert. Ich war versucht umzudrehen. Doch da fiel mir dieses warme Timbre in den Worten: Würde mich anturnen, wenn du auch kommst, wieder ein.
    Im Autonomen-Viertel sah ich zu meiner grimmigen Freude, dass die Global Police angetreten war. Ihre schwarzen Helme und Schaftstiefel glänzten in der stechenden Sonne.
    „Die gute alte GLOPO“, murmelte ich und lächelte. Der Offizier gab eben den Befehl:
    „Knüppel FREI!“ und die Schwarzuniformierten stürmten eine Mietskaserne aus dessen Fenstern Hausrat regnete. Stühle, Wäschespinnen, Zwergschildkröten…Moment, Zwergschildkröten? Ich lief hin und hob das arme Ding auf. Sie lebte, strampelte Träge mit den Beinen und sah mich aus ihren rätselhaften Knopfaugen ausdruckslos an.
    „Na, du…ich steck dich mal in die Hosentasche. Bei Bulldog finde ich sicher etwas Grünzeug für dich."
    Aus dem Inneren der Häuser erschallten plötzlich Schreie. Die renitenten Jugendlichen bekamen ordentlich eins auf die Zwölf, wie es schien. Im Vorbeigehen hörte ich den Offizier mit einem älteren Passanten plaudern:
    „Gehen sie da nicht etwas zu brutal vor?“, fragte dieser.
    „Die brauchen das, glauben sie mir“, war die Antwort.
    Ich bog in die Philemon-Straße ein und passierte einige pomadisierte Jungtürken, die um einen Ghettobooster standen, Musik hörten, lachten und tanzten. Das Mietshaus in dem Bulldog seine Partys schmiss befand sich nur einen Steinwurf entfernt. Es war 200 Jahre alt, zweistöckig und das hässlichste der Straße. Die vier holzverkleideten Balkone, Wintergärten eigentlich, klebten wie Fremdkörper am Haus und machten den Eindruck als würden sie jede Sekunde herunter fallen. Am groben, grauen Verputz fanden die Dohlen Halt wenn sie im März von den Bergen kamen.
    Springspinnen bevölkerten es Sommers: eine kleine, putzige Art mit schwarzweiß gestreiften Beinchen. Kam man ihnen mit dem Zeigefinger zu nahe sprangen sie von hinnen wie Heuschrecken. Das Haus war bewohnt von sozialen Wracks. Einem Säufer, den man nie vor Mittag im Hausgang sah: mit fleckigem Morgenmantel, zerknautschtem Altmännergesicht und Dreitagebart. Einer Haushexe, uralt doch mit wachen Augen, die einem auch mal am Oberarm ergriff, um ihre Bonmots über Ausländer loszuwerden. Etwa: „Zu meiner Zeit hießen diese Immigranten, diese Dahergelaufenen noch Zigeuner!“
    Dann hauste, in einer der beiden Dachbodenkammern, eine 30jährige Analphabetin mit dem Spitznamen Wau. Sie war dick, rauchte wie ein Schlot und hatte ein Frauenbärtchen. In der anderen Kammer wohnte ein mehrfach Hirnoperierter. Wenn er aus dem Krankenhaus kam sah er immer frisch aus: wegen der gesunden Kost dort, und weil er nicht saufen durfte. Nach einem Monat in Freiheit sah er wieder aus wie 60 obwohl er kaum 40 war: ein Gezeichneter, der mit einem hinkenden Dackel tägliche seine Runden schlich. Doch das Haus hatte einen Riesenvorteil: jeder konnte darin tun was er wollte. War einer laut, war der andre schlicht und einfach lauter. Die Haushexe hörte eh nichts, der Hirnoperierte hatte andere Sorgen, und der Rest der Mieter war ohnehin ganztags besoffen. Wem es zu bunt wurde der zog aus.
    Bulldogs Bude war geräumig und voll mit Nazikram. Irgendwo hatte er eine Walther PPK versteckt. Er hielt sich eine hässliche Kampfhundmischling, die auf den Namen Nüssen hörte. Bulldog führte gern das große Wort - dazu hörte er gerne Songs wie „We will survive…“ und ähnliche Schwulenhymen aus dem 20 Jahrhundert. Ein gewisser Udo Jürgens war zur Zeit sein Favorit: „Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf.“
    Trixi, meine Verflossene, hatte mich eines Tages zu Bulldog begleiten wollen. „Nein. Das ist unmöglich“, hatte ich abgewehrt. „Die Atmosphäre würde dich krank machen. Außerdem stinkt es nach Laborratten.“
    „Es stinkt nach Laborratten?“
    „Bulldog hat bis vor einigen Jahren Krebsexperimente gemacht. An Ratten. Die Ratten sind tot. Doch die Käfige stinken noch heute vor sich hin.“
    „Igitt.“
    „Außerdem ist da Nüssen.“
    „Nüssen?“
    „Ein hässlicher Kampfhund, den ich persönlich für schizophren halte.“
    Trixi hatte mich nie wieder gefragt. Ich stand vor Bulldogs Wohnungstür, und läutete, indem ich den Spion mit dem Daumen zuhielt.

    3


    Maus öffnete mir. Klein, spitznasig und mit dem üblichen, gehässigen Grinsen.
    Er war so etwas wie Bulldogs Adjutant. Ich glaube er wusch ihm sogar die Socken.
    „Ah, Karl. Du kommst gerade richtig. Bulldogs Ex-Schwiegermutter ist da. Ein Heidenspaß. Er macht sie fertig- vor aller Augen, das alte, versoffene Trampel!“
    Ich wollte mich schon an Maus vorbei drängen, doch der stellte sich mir in den Weg.
    „Halt. Wie lautete die Losung für diese Woche?“
    „Soll ich dir was sagen, Maus? Leck mich.“
    „Der Führer kommt nicht selbst. Klar? Der Führer kommt nicht selbst. Wann wirst du dir endlich die Losungen merken? Aber bei dir darf ich ne Ausnahme machen“, meinte Maus gönnerhaft und trat zur Seite. Natürlich kannte ich die Losung. Und ich kannte Maus- seit 5 Jahren. Das ganze Ding mit der Losung war ein Witz- soweit es mich betraf.
    Im Wohnzimmer war die Hölle los. Zu der angeknipsten TV Wand, deren 30 Sendersegmente niemand beachtete, sang Udo Jürgens: „Siebzehn Jahr, blondes Haar- so stand sie vor mir…“, und alle starrten sie auf die Alte: Eva, die brünstige Zeugin Jehovas, Ed der Jungbauer, die verlebte Marathonlegende, die hochgewachsene Olympiazweite und die Komikerhoffnung.
    „Tanze, ja tanzte“, brüllte Bulldog lachend und seine Ex- Schwiegermutter, splitterfasernackt, mit auf dem Rücken gefesselten Händen, Mundbirne und schlenkernden Hängetitten tat es. Sie tanzte und drehte sich im Kreis. Sie rang nach Luft und ihre Pumpe arbeitete mächtig.
    „Ja, mein kleiner Tanzbär. So ist es recht. Tanze. Tanze für uns!“
    Wurde sie in Bulldogs Augen zu langsam, bekam sie eines mit dem Gürtel übergezogen. Maus gefiel das über die Maßen. Er lachte und schlug sich auf die Schenkel. Die Olympiazweite fand das abartig und verzog sich auf eine Zigarettenlänge in den Wintergarten. Die Alte klappt schließlich zusammen. Fiel einfach um. Wie ein nasser Sack. Schweigen.
    „Sollten wir die Rettung…?“, fragte Maus.
    „Ach, lassen wir die Vettel liegen. Die ist nicht hinüber. Die ist bloß bewusstlos. Zu viele Drogen“, sagte Bulldog. Als er das Entsetzen in den Augen der Komikerhoffnung sah, fügte er hinzu: „Aber die Rettung kannst du trotzdem rufen. Die alte Kuh ist alphaversichert. Die holen sie mit einer Luxuskarosse ab.“
    Maus telefonierte und Bulldog gab einige Interna über die Alte preis, die wie ein nasser Sack am Boden lag. Man konnte ihr geradewegs in den rasierten Schritt sehen. Auf ihrem Schambein prangte ein Tattoo: das Ying und Yang Zeichen.
    Bulldog erzählte: „Diese Vettel hat mich vor gar nicht allzu langer Zeit Kübel vollerSchlampen-Misstrauen über mich ausgeleert. A la: das ist also der Schwiegersohn meiner Lilith. Ihr wisst schon, Lilith. Die geile Blondine, mit der ich vor drei Jahren zusammen war. Wirklich Leute. Ich war paff. Einen solchen Anprall von Misstrauen und Argwohn hatte ich bis dato noch nie erlebt! Ich dachte damals, na so sind sie, die Schwiegermütter, das Ganze wird sich schon wieder legen. Aber, was geschah stattdessen,meine Volksgenossen? Die Alte konspirierte mit Lilith und plötzlich war es so, dass ich ihr zu wenig verdiente.“
    „Du hattest damals einen Job?“, wunderte sich der schlacksige Jungbauer. Er konnte nicht glauben, dass sich Bulldog einmal die Hände schmutzig gemacht hatte.
    „Ich war Rausschmeißer“, sagte Bulldog, unwillig über die unbedarfte Unterbrechung, und fuhr fort: „Die Alte machte plötzlich in Geldangst und Geldwahn. Es war so lächerlich, dass ich sie auslachte. Wenn sie endlich wieder weg wäre, fern in Albanien, wo sie damals wohnte, wäre auch ihre Hysterie wieder weg. Dachte ich. Es kam ja dann anders. Lilith wechselte die Seiten und die Alte hatte ihr Ziel erreicht. Eine Woche war sie hier auf Besuch, und brachte Lilith dazu, sich von mir zu trennen. Lilith zog aus. Einfach so. Paff.“ Wir alle starrten auf den nackten Körper, der durch die bunte TV-Wand kunstvoll illuminuirt wurde.
    „Sie ist immer noch hinüber“, erklärte Maus.
    „Ein alter stinkender Milbekäse bist du, hörst du mich?!“, brüllte Bulldog noch einmal, als wolle er prüfen ob sie dadurch erwachen würde.
    „Erzähle doch wie du sie später aus Rache drogenabhängig gemacht hast, die Alte, hahaha…“, lachte Maus.
    „Nein. Zuerst habe ich die Alte verführt. Ich habe sie sexuell abhängig gemacht. Danach habe ich sie unter Drogen gesetzt. Die kleinen roten, ihr wisst schon", belehrte ihn Bulldog.
    „Die roten?“, horchte die Marathonlegende auf, und verzog sich ins Klo.
    Bulldog holte seinen Knecht hervor, und die Zeugin Jehovas wollte sich schon hinunter beugen um ihn gehorsam in den Mund zu nehmen. Doch Bulldog hatte etwas anderes vor. Er stand auf, ging in die Mitte des Raumes und urinierte auf seine Ex-Schwiegermutter. Maus quiekte vor Vergnügen und es wollte nicht aufhören zu plätschern.
    In einem der TV-Segmente lief eine Live-Diskussion. Unter der Einblendung: DAS WAR DAS ZWANZIGSTE JAHRUNDERT erklärte ein zotteliger Mensch gerade: „…nachdem sich der antikommunistische Wanderprediger und Wasserstoffbombenfreak Edward Teller und der Vietnamesenfresser Henry Kissinger zusammengetan hatten…“
    „Moment“, unterbrach ihn der gestylte Moderator: „Mir fällt was auf, junger Mann. Mir fällt bei ihnen auf, was mir seit Jahren bei Leuten wie ihnen auffällt.“
    „Aja? Und was wäre das, Kamerad?“, sagte der Langhaarige herausfordernd. Dabei zeigte er stolz eine Zahnlücke.
    Der Moderator sagte: „Feigheit.“
    „Feigheit?“ Die Zahnlücke runzelte die Stirn.
    „Ja. Erst seitdem die USA durch ihren 2. Bürgerkrieg eine radioaktive Wüste ist, redet ihr Freaks so über deren ehemalige Würdenträger.“
    „Würdenträger. Scheiße. Kissinger fraß Vietnamesen.“
    „Junger Mann, hüten sie ihre Zunge!“, fuhr ein anderer Diskutant dazwischen. Er trug einen Zwicker, einen altmodischen Zweireiher und rauchte Pfeife.
    Bulldog war unterdessen fertig mit seinem Geschäft. Er war eben dabei sich wieder zu setzen, als es an der Wohnungstür läutete. Maus flitzte in den Vorraum. Maus kam zurück, den ausgebrannten Schriftsteller im Schlepp. Er war groß, dürr, drehte sich einen Joint nach dem anderen und sprach selten. Er nickte uns zu, stieg über die Alte hinweg und setzte sich. Wortlos begann er sein Gras auszupacken. Welch ein Sauhaufen, dachte ich. Und diese skurrile Personage will eine Nazi-Partei gründen. Lächerlich. Das wird nie etwas. Maus sagte: „Wau steht auch draußen. Die Kuh hat mich gefragt, wann der nächste Zug nach München geht. Will die mich verarschen?" Er wandte sich an Bulldog: "Was soll ich mit ihr machen, mein Führer?“
    „Kleb ihr eine.“
    Ich hielt Maus am Oberarm zurück.
    „Das lass mal. Ich übernehme sie.“
    Im Gegensatz zu der Horde Ignoranten war ich mir nicht zu gut gewesen, mich mit Wau in diverse Hausgang-Gespräche einzulassen. Ich war der einzige hier, der um ihren Analphabetismus wusste. Eine astreine Analphabetin. Das war in der Festung Europa schon lange nichts mehr Ungewöhnliches. Man konnte eigenlich gut mit ihnen. Nur wissen musste man es. Sonst gab es Missverständnisse. Wau lächelte als sie mich sah. Ich gab ihr die gewünschte Auskunft und sie bedankte sich. Ich weiß nicht warum, doch ich kramte in meiner Tasche nach Geld und gab ihr einen Fünfer. Verwundert starrte sie auf den Schein.
    „Danke. Aber was soll ich damit machen?“
    Ich starrte auf ihr Frauenbärtchen und ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit übermannte mich.
    „Kauf dir Zünder.“
    Plötzlich malte sich Entsetzen in ihrem Gesicht. Bulldog stand neben mir.
    „Ah Wau. Halt. Nicht abhauen. Hier geblieben, ich habe ein Hühnchen mit dir zu rupfen. Du bist mir wieder zu laut. Du gehst nachts wieder spazieren dort oben. Rückst Möbel. Hustest deinen elenden Raucherhusten! Habe ich dir nicht gesagt um 22 Uhr ist Funkstille? Verflucht!“
    Wau zuckte zusammen. Bulldog kam in Fahrt:
    „Wer um alles in der Welt bin ich, an deiner neurotischen, sinnlosen, ekelhaften, irrwitzigen Schlaflosigkeit antizipieren zu müssen! Hä?! Maden wie du wurden schon zerquetscht wegen so was!!! Ab jetzt in deinen Verschlag!!! Und wehe wenn ich heute etwas höre!!!"
    Wau wollte etwas bemerken.
    „Halts Maul!“, brüllte Bulldog.
    „He, he. Sie ist Analphabetin“, versuchte ich Bulldog zu beruhigen.
    „Was?“
    Wau war schon hinter der Windung des modrigen Hausgangs verschwunden, doch er rief ihr nach: „Und lern lesen, du Schlampe!“
    Man hörte, wie sie losheulte, in ihren Verschlag lief und die Tür hinter sich zuknallte.
    Nein: er war kein sympathischer Nazi…
    Er war, wie mir jetzt klar wurde, im Grunde nicht viel sublimer, als die üblichen Nazi- Platten. Er tat nur manchmal so. Er hob sich kaum von ihnen ab. Gut er war gemeiner und belesener. Er war braun, ohne zum braunen Fußvolk zu gehören. Aber damit hatte es sich auch schon. Bestenfalls ein Unterscharführer, dachte ich. Geschaffen das braune Pack gegen die durchgeknallten Autonomen, und Kommunisten in den Kampf zu führen. Und es würde bald so weit sein. Denn die Hitze tat den Arbeitslosen auf beiden Seiten nicht gut. Bald würde die Straße rasen. Und keine GLOPO würde das in den Griff bekommen. Wie hatte es ein TV Reporter ausgedrückt: „Die Welt ist ein Backofen und die braune Runkelrübe gedeiht wieder prächtig. Aber auch die rote Bete. Ganz abgesehen von all diesem autonomen Unkraut, das überall wuchert und sowieso nicht weiß, was es will.“
    Ich musste austreten. In der schmalen Flucht des Klos lag die Marathonlegende. Zwei Finger des rechten Armes standen starr wie Hörner ab. Das Gesicht hatte eine schreckliche Farbe. Daneben kauerte Nüssen, der Kampfhund und knabberte aus einer Schachtel seine Leberschmackos. Links von der Klomuschel sah ich die Walther PPK liegen. Sollte sich die Marathonlegende erschossen haben? Nein. Es war kein Schuss zu hören gewesen. Ich nahm die Waffe an mich, und überprüfte das Magazin. Es war wohlgefüllt. Ich lies die Waffe in die Außentasche meiner Cargo gleiten. Zurück im Wohnzimmer sagte ich:
    „Ich glaube der Marathonlegende gehts nicht besonders.“
    „Dass trifft sich gut. Die Rettung ist da. Komm Eva, tu die Handschellen von der Alten und nimm ihr die Mundbirne ab.“
    Eva, die Zeugen-Jehova-Sexsklavin, gehorchte. Die beiden Rettungstypen die die Alte und die Marathonlegende aus der Bude schafften, wirkten überarbeitet.
    „Sind die beiden versichert?“, fragte einer.
    „Ja. Alphaversichert“, log Maus. Die Marathonlegende war es nicht. Dem Burschen würde eine horrende Rechnung ins Haus flattern. Ich begab mich zur Olympiazweiten in den Wintergarten. Stabhochspringerin übrigens und 1.93. Groß wie Abraham Lincoln. Schlank. Sie mochte mich. Sie saß mit übereinander geschlagenen Beinen im alten Ohrensessel und zündete sich eben eine neue Zigarette an.
    „Mich kotzt das Treiben hier an“, erklärte sie.
    Ich schwieg, setzte mich neben sie und griff ihr in den Schritt. Sie warf mir einen raschen Blick zu, der soviel besagte wie: „Jetzt bin ich nur noch Loch für dich, was?, Doch ich genieße es.“ Sie öffnete etwas ihre endlosen Beine, schloss die Augen und lehnte sich entspannt zurück. Vor den verschmierten Fenstern türmten sich schwarze Wolkengebirge. Wütender Wind fuhr in die Bäume der Straße. Eine jähe Böe rüttelte an den Fenstern des Wintergartens. Die losen Scheiben klapperten. Dann machte ich einen Fehler.
    „Kennst du diese Stimme?“, fragte ich und spielte ihr die geheimnisvolle Handy Nachricht vor.
    Noch während das warme Timbre die Luft in magische Schwingungen versetzte, nahm die Olympiazweite meine Hand aus ihrem Schritt und sagte:
    „Nein. Nie gehört. Aber das Weib klingt wie eine Nutte.“
    „Findest du?“
    „Und was soll das heißen: Sado-Schlingel?“
    „Tja, das wüsste ich selber gerne“, seufzte ich. Aus dem Wohnzimmer vernahm man Streit.
    „Du Arsch, du dummer Arsch! Du bestellst dir eine Hakenkreuzflagge!? Bist du denn total im Arsch?“, schrie Bulldog.
    „Was ist denn dabei, Bulldog?“, verteidigte sich die Stimme des Jungbauern.
    „Was dabei ist? WAS DABEI IST. ICH BIN KURZ DAVOR NÜSSEN AUF DICH ZU HETZEN! Wenn das die Internetschnüffler mitkriegen, bist du im Arsch! Die nehmen dich zum Posten mit. Die quetschten dich aus. Du singst. Und dann stecken die Bullen ihren Schweinerüssel hier herein! Hier bei mir! Und das wars mit Partei. Sie wird tot sein, ehe wir sie überhaupt gegründet haben!"
    Eine Tür knallte. Der Jungbauer war wohl abgehauen.
    „Was sollen wir mit dem Verräter machen, Bulldog?“, fiepte Maus.
    „Er ist kein Verräter. Nur dumm. Wo ist übrigens unser Intellektueller? Wo ist Karl?“
    „Hier!“, rief ich.
    Bulldogs massige Gestalt schob sich in den Wintergarten. Er war verschwitzt und gestresst. In seiner Hand befand sich eine Wodka Flasche. Ich soff gelegentlich. Doch er soff eindeutig zu oft und zu viel. Er stolperte von einem aversiven Zustand in den anderen. Alkoholpsychosen setzten ihm zu. Doch wie es aussah, war er heute recht normal. Bulldogs Miene entspannte sich,als er mich sah. Er setzte sich neben mich. Er kam mir versöhnlich.
    „Wenn einer noch mehr drauf hat als ich, dann bist das du, Karl. Du wirst der Intellektuelle. Der Denker der Partei. Während ich ihr Führer bin.“
    Die Sache mit der Parteigründung ging ihm einfach nicht mehr aus der Birne. Sie saß in seinem Hirn wie ein Wurm.
    „Ach, die Partei. Richtig. Wie soll sie noch einmal heißen?“
    „SKADI. Sport Kameradschaft Adi“, sagte Bulldog mit gewichtiger Stimme.
    Mir entkam ein Grinsen. Die Olympiazweite sagte: „So ein Schwachsinn.“ Doch ehe Bulldog auf diese offensichtliche Insubordination reagieren konnte geschah etwas anderes.
    Maus war unbemerkt in den Türrahmen getreten und meinte: „Ich wusste es, Bulldog. Ich habe es dir immer gesagt. Karl ist keiner von uns! Schau wie er grinst. Er ist eine linke Ratte.“
    „Halts Maul, Maus“, gebot Bulldog.
    Maus krähte plötzlich: „Da, die Ausbuchtung in seiner Hose!“ Ich kombinierte blitzschnell.Konnte er die Walther meinen? Nein, er deutete auf die andere Seite meiner Cargo. Darin befand sich das eben weggesteckte Handy.
    Ich nahm das Handy heraus:
    „Kennt einer von euch diese Stimme?“, fragte ich, auch, um Maus von der Walther abzulenken. Die melodiöse Prosa erklang erneut.
    „Hi, du. Es ist 15 Uhr am 22. November 2063. Heute geht die Party weiter. Baby Bulldog will seine Partei gründen. Im Schatten der Klimakatastrophe will er den neuen Menschen heranzüchten. Er sagt die Frucht sei reif. Und Terror bringt die reife Frucht zum Platzen." Ich schaltete ab. Den rest mussten sie nicht hören. Bulldog kratzte sich in seinem Schweinsnacken.
    „Nein. Die Tussi kenne ich nicht. Gestern waren viele Tussis da. Und Typen. Aber dass sie das mit der Parteigründung herumposaunt, gefällt mir nicht!“
    Ich blickte zu Maus. Dessen Knopfaugen waren wieder auf meine Cargo geheftet.
    „Da- er hat noch etwas in seinem Sack, Bulldog. In der Außentasche. Einen Sender. Einen Sender. Er ist von den Bullen. Er ist ein Verräter.“
    „Ach halts Maul. Aber wirklich, was hast du da im Hosensack, Karl?“
    Eine Walther, mit der ich euch alle umlege, wollte ich schon sagen, die Pistole ziehen, und, das Überraschungsmoment nützend, aus dieser Bude abhauen. Doch im letzten Moment begriff ich, dass Maus auf das andere Hosenbein blickte. Die Zwergschildkröte, schoss es mir. Vorsichtig holte ich sie hervor. Sie ruderte mit allen Vieren. Bulldog lachte. „Die ist aber süß“, bemerkte die Olympiazweite.
    Ich streichelte den winzigen Krötenkopf und sagte von aufrichtiger Tierliebe übermannt:
    „Dich habe ich ja ganz vergessen, kleines Ding. Hast du Kopfsalat, Bulldog?“
    Bulldog wandte sich an Maus: „Da hast du deinen Verräter, Idiot.“
    Maus war noch nicht überzeugt.
    „Die ist nicht echt. Der Sender ist in der Schildkröte! Der Sender ist in der Schildkröte“, beharrte er und sein psychotischer Blick belehrte mich, dass er auf Dope war.
    „Die ist echt, du Depp. Da, schnapp“, sagt ich und hielt sie ihm rasch hin.
    Maus zuckte zurück.
    „Der Sender ist i n der Schildkröte!“, rief er.
    „Karl ist kein Verräter“, sagte Bulldog ruhig und hatte plötzlich sein Springmesser in der Hand. Er ließ es ausfahren und reichte es mir.
    „Karl wird uns allen beweisen, dass er kein Verräter ist.“
    „Was soll ich mit dem Messer?“, fragte ich.
    Ein gewaltiger Donnerschlag ertönte. Das Gewitter war über der Stadt angekommen.
    „Das ist ja ein Timing wie in einem B-Movie“, bemerkte die Olympiazweite dazu.
    „Schneid’ sie auf“, sagte Bulldog.
    „Was, sie?“, fragte ich verdutzt und deutete auf die Olympiazweite. Die blickte plötzlich sehr konsterniert.
    „Nein. Nicht, sie… Du wirst die Zwergschildkröte aufschneiden, Karl.---und uns als guter Parteimann zeigen, dass kein Sender drin steckt.“
    „Abartig“, sagte die Olympiazweite angewidert- aber auch merklich erleichtert.
    „Ich schlitze doch keine Zwergschildkröte auf“, sagte ich.
    „Verräter!“, kreischte Maus. Seine Knopfaugen glitzerten bösartig. Mit bedrohlichem Nachdruck sagte Bulldog: „Schlitz sie auf, Karl. Die Natur ist grausam. Und unsere Partei ist es auch.“
    „Nein", sagte ich.
    Bulldog sah mich irgendwie traurig an.
    „Er ist…“, begann Maus.
    „Halts Maul“, fiel ihm Bulldog ins Wort.
    Eine Pause, erfüllt vom Rollen erneuten Donners trat ein.
    „NÜSSEN!“, brüllte Bulldog und sogleich bog, alarmiert und unterwürfig, der olle Kampfhund um die Ecke. Bulldog deutete auf mich.
    „Fass, Nüssen. Fass!“
    Das schizophrene Tier starrte mich aus seinen blutunterlaufenen Glotzaugen an.
    Ich starrte zurück. Ich war entschlossen ihn mit der Walther abzuknallen, wenn er auf mich losging…doch nichts geschah. Die Bestie hatte sich einfach schon zu sehr an mich gewöhnt- sie mochte mich! Maus lachte hohl und bekam von Bulldog eine Kopfnuss verpasst. Die Olympiazweite ließ ein irres Kichern vernehmen.
    „FASS NÜSSEN! FASS, FASS, FASS!“, brüllte Bulldog außer sich und trat mit seinen Springerstiefeln nach dem Hund. Der winselte jämmerlich. Für mich war es Zeit zu gehen. Ich zog die Walther hervor -- und warf sie Bulldog zu. Der fing sie völlig verdattert auf. Ich drehte mich um und verließ Bulldogs Bude für immer.
    Im modrigen Hausgang hörte ich Maus durch die Tür schreien: „Knall ihn ab, Bulldog. Knall ihn ab, den dreckigen Verräter.“
    „Ach, halt einfach das Maul“, dröhnte Bulldog.
    Kaum im Freien erleichterte sich die Natur in einem gewaltigen Wolkenbruch.
    Die tanzenden Türken schnappten sich eben ihren Ghettoblaster und flohen in einen Hausgang. Schwere Tropfen prasselten auf den staubigen Asphalt, der nun wie lehrgefegten Straße. Im warmen Regen schlenderte ich stadteinwärts. Auf der Bahnhofsbrücke blieb ich stehen. Ich starrte auf die braunen Wogen des Flusses, der das Städtchen teilt. Wie hypnotisiert stand ich da. Die Zwergschildkröte in meiner Hand. Das Schäumen der Wellen im Auge. Das Brüllen des Wassers und das Prasseln des sintflutartigen Regens, in den Ohren. Eine schwarze Windhose tanzte in langsamem Zickzack über den Fluss heran. Dort wo sie das Ufer berührte entwurzelte sie Büsche, saugte sie in sich hinein und schleuderte sie himmelwärts. Dann sah ich den anderen Menschen auf der Brücke. Es war ein schlankes Mädchen. Jeans und Leibchen durchnässt. Das schwarze Haar klebte an ihren Wangen. Sie schritt entspannt durch den Regen, so als sei der ganze, weite, schwarze Himmel ihre Dusche. Sie grinste im Näherkommen wie wissend und senkte unmittelbar vor mir die Augen. Sie passierte mich, sah auf und ein männerhungriger Blick traf mich wie ein Pfeil! Ein vertrauter Duft streifte mich…nein, Duft ist falsch… es war etwas, das die Mitte zwischen Duft und Gestank hielt. Es vermittelte Freude und Grausen zugleich. Ich starrte ihr nach, wie sie, den Hintern schwingend, langsam und lässig auf den Bahnhof zusteuerte. Ich stand im Begriff ihr zu folgen, denn sie war es, sie musste es sein, meine Unbekannte - und erstarrte. Die hektische Windhose war plötzlich in ihrer unmittelbaren Nähe aufgetaucht. Als sei sie aus dem Boden gewachsen. Sie erfasste das Mädchen und schleuderte es hoch wie eine Puppe. Der in allen Gliedern wie lose wirkende, menschliche Körper segelte über das Bahnhofsgebäude und verschwand. Ein blaues Blitzen wie von Hochspannungsstrom wetterleuchtete im Regen. Ich hörte aufgeregte Schreie, wie, als sei ein großes Unglück geschehen. Und eine Stimme war in meinem Kopf:„Hi, du. Es ist 15h am 22. November 2063. Heute geht die Party weiter…“

    Fin

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    October 7th, 2010

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    Der alte Mann und der Zeitungsspender

    Der alte Mann trug meistens eine grüne Lodenjoppe, einen dazu passenden Filzhut und ging an einem Stock. Das war notwendig, sonst wäre er noch vorne gekippt, krummrückig wie er war. Man fragte sich, ob er unter seiner Hutkrempe genug freie Sicht nach vorne hatte. Er hatte ein gutes Gesicht, nur der Unterkiefer sprang etwas vor. Als Altersheimbewohner kannte er sich in diesem Stadtteil gut aus. Sonntagvormittag holte er regelmäßig seine Zeitung aus dem Spender um die Ecke. Winters wie Sommers. Wenn es regnete und selbst wenn es Neuschnee hatte. Wenn er sich, zittrig auf den Beinen, den Stock bedächtig setzend, dem Laternenmasten näherte, an dem der Spender hing, fürchtete man, er könne jeden Moment ausrutschen, oder umfallen. Das geschah nie. Er verlangsamte einfach sein Tempo. Er ging um den Laternenpfahl herum, und das Entnehmen der Zeitung, das Einwerfen der Münzen glich einem Ritual. Zuerst brachte er sich vor dem Plastikspender in Position. Indem er sich mit der Linken am kalten Masten festhielt, lehnte er den Stock dagegen, um eine Hand frei zu haben. Hernach fingerte er unendlich langsam, aber letztlich immer erfolgreich, seine Zeitung heraus. Er umfasste sie so, dass sie zu einer Rolle wurde, und ging nun daran sie in die Innentasche seines Mantels zu stecken. Dazu brauchte es mehrere Versuche. Das geschafft suchte er, sich immerfort am Mast abstützend, in der Mantelaußentasche nach losen Münzen. Die warf er ein, ohne dass ihm je eine auf den Gehsteig gefallen wäre. Endlich hatte alles seine Richtigkeit, er nahm den Stock an sich, und ging, bedächtig den Stock setzend, wieder seines Weges, zurück in das Altersheim. Die Bewohner der Straße kannten den Alten und warteten sonntags manchmal geduldig hinter ihm, ehe sie ihre Zeitung zogen.
    Eines Tages, wollte eine fremde, junge Dame helfen, als sie den zittrigen, gebeugten Mann am Zeitungsständer werkeln sah. Sie trat näher, sprach etwas, erntete Kopfschütteln, langte helfend hin, wurde durch eine ärgerliche Bewegung des Ellbogens abgewehrt und trat verwundert zurück. Der alte Mann zitterte durch die als Störung empfundene Hilfsbereitschaft noch mehr, und einen Moment sah es so aus, als würde es diesmal nichts mit seiner Zeitung.
    Die junge Frau trat noch einmal näher, der Ellbogen fuhr erneut unwirsch nach außen und nun wandte sie sich ab und ging. In einiger Entfernung blieb sie kurz stehen, sah sich noch einmal um und setzte ihren Weg kopfschüttelnd fort, während der alte Mann triumphierend die Zeitung in seinen gichtigen Händen hielt.

    FIN

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    August 28th, 2010

  • Karl_Kinaski snapped a picture

    Verrechnet

    Als ich, noch nicht 18 zum Paras kam, tobte der Kalte Krieg noch. Oder soll man sagen, er kältete? Jedenfalls waren es selige Zeiten für unsere imbezilen Ausbildner, denn sie konnten auf ein klares Feindbild zurückgreifen. »Wir in Österreich sind das erste Bollwerk der Verteidigung der Freien Welt!«, brüllte unser Leutnant.« »Jeder Schuss, ein Russ!«, brüllte Wehrmann Pichler zurück, und bekam prompt einen Wochenende Ausgehverbot. Das war das erste Mal, dass er mir auffiel. Pichler war ein großer Lackel, breit in den Schultern, doch von seltsam weichen Gelenken. Unter seinen roten Haaren leuchtete ein totenblasses Gesicht, in dessen schlaffer Haut stets einige Pusteln nisteten. Sie hatten weiße, oder gelbe Spitzen, sodass man Lust verspürte, sie auszudrücken. Nach der zweimonatigen Grundausbildung schob ich mit Pichler Wache in der Struberkaserne, die sich im Stadtgebiet von Salzburg befindet, unweit der Landesnervenklinik. Ursprünglich war ich nur als Wachersatz vorgesehen gewesen, doch ein Wachsoldat starb bei einem der obligaten Paras-Autounfälle und ich kam zum Zug. Wie Pichler und die anderen wählte ich das Wacheschieben, wegen des 24 - Querstrich - 48 Stunden Rhythmus. Weniger Paras ging nicht. Man hatte nur ein Problem: nicht einschlafen zu können. Zwei Mann hatten vorne zu sitzen, einer schlief auf einer Pritsche - vier Stunden. Konnte er zur vorgesehenen Zeit nicht schlafen, schlief er 24h überhaupt nicht. Und dann hatte er knapp 48h frei. Da wollte man auch nicht schlafen. Dementsprechend sah man aus der Wäsche, wenn man mit seinem scharf geladenen Sturmgewehr morgens, wenn die Zivilangestellten der Kaserne, aus ihren bequemen Privatleben kommend beim Tor hereinströmten, im rotweißrot lackierten Wachhäuschen stand. Müde wurde man immer, wenn man gerade nicht mit Schlafen dran war. Um nicht wegzudösen, wenn man wach bleiben musste, trank man also Kaffee, andere lasen, rauchten wie die Schlote, oder hörten Radio.
    Pichler war ein besonderer Fall. Er rechnete, um wachzubleiben. Er hatte in Mathematik maturiert, mit Sehr gut, wie er betonte, hatte darüber hinaus an so manchem Wettbewerb teilgenommen, verglich den Umgang mit Zahlen mit dem Umgang eines Geigenvirtuosen mit seinem Instrument und...kurz, er liebte das Rechnen, wie die Sünde. Eines Tages saß ich mit Pichler vorne in der Wachstube. Es war tief in der Nacht. Die Schranken waren herabgelassen, das verschlossene Kasernentor lag im Licht einer Laterne. Hinten schnarchte Schneider der dritte Mann. Ein Simpel vom Land. Pichler begann sich Stift und Papier zurecht zu legen. Er stellte sich die unsinnigsten Aufgaben- alle aus dem Kopf: Winkelfunktionsrechnungen, Infinitesimalzeugs und Differentialschmuhfu, und Integralkrempel...Jene Gehirnakrobatik eben, die ich, als frischer Schulabrecher, so dicke hatte. Ganz anders Pichler. Er fand Rechnen furchtbar scharf. Schon flitzte seine Hand über das Papier, das sich mit Zahlen und Zeichen füllte, als regneten sie darauf herab. Manchmal verharrte er kurz, dachte nach, flüsterte Zahlen, murmelte Silben und schon flitzte der Bleistift wieder. Er wurde dabei, wie ich misstrauisch beobachtete, immer munterer. Und während ich die Vision eines schäumenden Bierglases hatte, schien er sich ganz allein an seinen Zahlen berauschen zu können! Das fand ich nicht gerecht. So durfte es nicht weiter gehen! Ich sagte: »Pichler - lass doch den Rechenscheiß.«
    »Wieso - ich mag das. Sonst verblöde ich.«
    »Verblöden ist Programm bei diesem Verein. Dagegen anzukämpfen ist sinnlos. Was bringt dir das, dass du hier Winkelfunktionen löst? Was soll das da übrigens sein?« Ich deutete auf ein irres Gekritzel, das beim besten Willen kein mathematisches Zeichen sein konnte.
    »Was?«
    »Na, dieses Gekritzel.«
    »Ein Felsen. Ich berechne seine Höhe, ohne Zutritt zu seiner Basis zu haben.«
    »Hä? Wieso hast du keinen Zutritt zu seiner Basis?«
    »Na, da steht Betreten Verboten.«
    »Wo?«
    Pichler, durch meine Frage genervt, kritzelte rasch ein Schild mit der Worten »Betreten Verboten« an die Basis des Felsen.
    »Na, gut, aber was soll uns dass gegegn die Russen helfen?«, witzelte ich.
    »Pflanz wen anderen«, sagte Pichler nur.
    »Na, gut, dann im Ernst. Wie soll das also gehen?«
    »Na eben - durch Winkelfunktionen. Sinus, Kosinus…«
    »Und Tangens, ja, ja bleib mir vom Leib mit dem Scheiß. Wann gehen wir endlich einmal einen Saufen? Du wolltest mir einige Kneipen zeigen.«
    »Ja, ja, Morgen...«
    »Morgen? Dann bleib ich in der Kaserne, fahre nicht heim, und wir gießen uns einen in den Kragen. In Zivil.«
    »Ja«, sagte Pichler und seine Hand begann wieder zu flitzen. Ich beobachte ihn noch eine Weile, hörte wie er seine Zauberformeln dazu flüsterte und gab mich schließlich geschlagen. Als er um 4 Uhr früh, mit Schlafen an der Reihe war, hatte er zwei Dutzend Blätter gefüllt, wälzte sich unruhig auf seiner Pritsche...und konnte nicht einschlafen. Schneider leistete mir nun Gesellschaft. Um nicht mit ihm über die Landwirtschaft, in der er arbeitete, reden zu müssen, tat ich so, als ich ob ich lesen würde. Doch die Buchstaben des Bändchens, das ich bei mir führte, »Eckermann, Gespräche mit Goethe«, verschwammen mir vor den Augen. Mit den Worten, »Was liest du da?«, nahm es Schneider plötzlich an sich. »Ah...«, tat er wisserisch. »Eckermann, Gespräche mit«, er legte den Finger an den Namen »... Go-ethe.« Er sprach die Silben tatsächlich getrennt aus! Go-ethe! Kopfschüttelnd starrte ich zum Schranken hinaus.
    Die letzte Stunde, ehe unsere Mittags-Ablöse kam, stand ich im rotweißen Häuschen draußen. Nicht lange und ein graumelierter Mann kam auf mich zu. Er lächelte. Das roch nach Gefahr. Wollte ich mir zumindest einbilden.
    »Do you speak englisch?«, lächelte der Mann. War da etwas faul? Einmal hatte sich ein Mann im langen Morgenmantel und mit stierem Blick zu mir an den Schranken gesellt und war nicht und nicht zu bewegen gewesen, wieder zu gehen. Daraufhin hatte ihn der Offizier von Dienst einen Stuhl herausgebracht und der Mann hatte sich gesetzt: »Der ist von der Landesnervenklinik. Den kennen wir, das macht er öfter. Ich hab schon angerufen. Die holen ihn gleich«, hatte mein Offizier erklärt. »Also kein Grund, ihn zu erschießen?«, hatte ich gefragt. Es hätte ein Scherz sein sollen, doch der Offizier hatte mich entsetzt angeblickt. Der Mann hier allerdings wirkte ziemlich gesund. Doch schaute er mich noch immer an und mir kam der Verdacht er könnte vielleicht ein englischer Patient der Landesnervenklinik sein.
    »Englisch?«, fragte ich mit Unschuldsmiene.
    Er: »Yeah. Do you speak english?«
    »Eh, yeah. A little bit.«
    Er: »Oh, das ist gut. Ich stand hier auch. Wie du. In diesem Häuschen. After the war. In 45. Alles gleich. It’ s all the same. Ich war in the Army, US. Army. Funfundvierzig.«
    »Aha«, sagte ich und kam zu dem Schluss, es mit einem echten Touristen und nicht mit einem Landesnervenklinikinsassen zu tun zu haben. Er sah durch den Zaun auf die Verwaltungsgebäude und ich ließ ihn mit seinen Erinnerungen alleine. Hätte er zu fotografieren begonnen, hätte ich ihn, laut Vorschrift, umlegen müssen - na, nicht gleich umlegen, aber erschrecken. Mit Geschrei und Schüssen. Oder ihm den Fotoapparat aus der Hand schießen. Aber natürlich hätte ich ihn so viele Fotos machen lassen, wie er gewollt hätte. Denn was ging mich der Imbezilen-Verein an? Was scherte mich der Kalte Krieg. Jedes Glas Bier war mir wichtiger! Doch der Amerikaner wusste, was sich gehörte. Er fotographierte nicht und ich war nicht gezwungen so zu tun, als sähe ich es nicht. Er stand einfach vor dem Schranken und starrte zu den Verwaltungsgebäuden hinüber. Das Fenster der Wachstube öffnete sich und Schneider rief: »Brauchst du Hilfe, Kinaski?«
    »Du,nein Schneider. Ich habe hier alles im Griff. Entspann dich...lies ein wenig im Go-ethe...kann ich nur empfehlen.« Schneider schloss unbestimmt beleidigt das Fenster. Aber, Moment! Glitzerte da eine Träne im Auge des Amerikaners? Er schaute lange auf die Gebäude. Dann gab er sich einen Ruck, lächelte und, sagte: »Goodby.« »So long«, gab ich zurück. Auf der anderen Straßenseite bestieg er, wie ich jetzt erkannte, ein ziemlich mondänes Auto. Also hat er es zu etwas gebracht, dachte ich. Nachdem er so uns so viele Deutsche umgenietet hat, hat er es zu etwas gebracht. Es hätte genauso gut umgekehrt sein können. Ein Deutscher hätte ihn umnieten können, spann ich den müßigen Gedanken weiter, und der Deutsche würde heute mit einem mondänen Auto herumkutschieren. Nur würde er keine Kasernen in den USA betrachten, er würde...
    »Wer war das?« Schneider war, voll adjustiert, zum Ablöseritual angetreten.
    »Ein Amerikaner.«
    »Scheiß Amys«, sagte Schneider, furzte und nahm seinen Platz ein. »Wie war der Go-ethe?«, fragte ich.
    »Ich lese so einen Scheiß nicht. Und überhaupt. Du und Pichler. Ich mag euch nicht. Ihr glaubt, etwas Besseres zu sein.«
    »Bleib Mal kurz, Schneider ich muss Scheißen.«
    Ich entlud die Knarre, den Lauf in den Sandkasten haltend, und betrat die Wachstube. Erleichtert sagte ich: »So, jetzt haben wir es bald geschafft. Dann wird gesoffen! Ja, verdammt, Pichler! Du rechnest ja schon wieder. Am helllichten Tag.«
    Ich entriss ihm das Blatt mit dem Kritzelfelsen und dem Schild »Betreten Verboten« und er sprang auf. Doch er warf sich nicht etwa auf mich, sondern riss ein volles Magazin aus seiner Hüfttasche, steckte es in seine Knarre und legte auf mich an.
    »Jetzt bis du fällig, Kinaski. Es reicht!«, brüllte er. Ich nahm volle Deckung, so schnell wie noch nie in meinem jungen Leben, und zwar indem ich mich unter die Pritsche warf. Ich hörte Pichler lachen und das Magazin wieder heraus nehmen. Meine Pumpe hämmerte, als ich mich wieder aufrichtete. Pichler saß wieder am Tisch, als wäre nichts geschehen und grinste. Ich blickte zu seiner Knarre, die wieder an der Wand lehnte. Pichler steckte das Magazin wieder in das Täschchen.
    »Und du bist sicher, dass du noch alle hast?«, fragte ich, mir den Staub von der Uniform klopfend.
    »Ganz sicher...«, sagte Pichler grinsend. »Und heute wird gesoffen«, fügte er hinzu. »Nachdem ich mich zuhause kultiviert habe. Sagen wir Treffpunkt drei Uhr im Müllner-Bräu?« Ich nickte. Ich konnte nur hoffen, dass er unbewaffnet kam.

    2

    Der zweite Teil ist rasch erzählt. Pichler und ich waren bereits im Müllnerbräu sternhagelvoll. Gegen 19h Uhr torkelten wir, grölend und kichernd wie die Kinder, weiter ins Augustinerbräu. Dort kotzten wir in kameradschaftlicher Eintracht ins Klo. Ich hatte Pichler die Sache mit Schneider erzählt, und schrie immer wieder: »Go-ethe! Go-ethe!«, was Pichler außerordentlich lustig fand.
    Als Pichler mir einen Mathematiker-Witz erzählen wollte, winkte ich ab. »Pichler, nein! Wir sind so herrlich besoffen!«
    Er bestand darauf. »Na, gut, raus damit.«
    »Wie fängt ein Mathematiker in der Wüste einen Löwen?«
    »Weiß nicht.«
    »Er setzt sich in einen Käfig, und definiert: Hier ist draußen!« Ich lächelte höflich, doch der Witz hatte seine Wirkung getan, denn Pichler brüllte vor Lachen. Als er sich wieder gefangen hatte, sagte er: »Ich hab noch einen.«
    »Pichler nicht, saufen wir lieber, Fräulein, noch zwei Stiegl!«
    »Der ist eh kurz«, beharrte Pichler. »Na, dann, schieß los«, sagte ich und sah ihn bedeutungsvoll an.
    »Kommt ein Mathematiker in ein Fotogeschäft. Er: Fräulein, ich möchte diesen Film entwickeln lassen. Sie: Sehr, wohl. Neun mal dreizehn? Er: 117, wieso?« Pichler lachte brüllend und hielt sich plötzlich die Hand vor dem Mund. Er betrachtete sie. Einige Kotzbrocken lagen darin. Er ließ sie unter den Tisch fallen und wischte sich die Hand an der Tischdecke ab.
    Schließlich nahm mich Pichler mit in eine spezielle Bar, wie er sagte. Sie war eng, rot beleuchtet und kaum saßen wir, gesellten sich zwei Animiermädchen zu uns. Sie griffen uns in den Schritt. Wir luden sie auf ein Gläschen Sekt ein. Die meine soff ihren rasch.
    »Möchtest du denn noch ein...«, fragte ich, die Getränkekarte in der Hand und erstarrte. Wenn ich meinen kleines Bier und ihren noch kleineren Sekt zahlte, war ich pleite. Die hatten hier Getränkepreise wie im Puff. Ich erhob mich abrupt und ging zu Pichler. Moment, Puff?
    »Lass uns zahlen und abhauen, Pichler. Hier werden wir ja ausgenommen wie die Idioten.« Pichler gehorchte in willenloser Besoffenheit. Draußen auf der engen, gepflasterten Gasse rief ich:
    »Das war ein Scheißpuff, Pichler!«
    »Ich weiß«, ächzte Pichler und setzte sich erschopft auf den Gehsteig nieder.
    »Wo wir doch nur unseren Scheißsold haben. Und jetzt ist Ebbe. Warum wolltest du da hinein? Wir könnten noch drei Stunden weitersaufen!«
    »Ich bin bedient«, stöhnte Pichler.
    »Aber ich nicht. Warum wolltest du da hinein?«
    »Na, wegen der Weiber. Die greifen einem so schön aus.«
    Ich fasste mir an den Kopf: »Pichler, das ist doch das letzte. Da greif ich mich lieber selber aus, und sauf dafür noch fünf Bier! Hast du noch Kohle?« Pichler schüttelte den Kopf und meinte:
    »Früher waren die viel billiger. Das die so sauteuer geworden sind, damit habe ich nicht gerechnet.«

    Ende

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    August 26th, 2010

  • Karl_Kinaski snapped a picture

    Kunstexpedition

    Fürstlich betrunken, doch bester Dinge, und erfüllt von orientalischer Beredsamkeit, war ich - wie manchmal in jenen Jahren- am helllichten Tag durch Kufstein flaniert, als ich auf Klarabella stieß.
    Mit Klarabella verband mich e i n Erlebnis: als sie noch in Schwoich, im Bauerhaus ihrer Eltern gewohnt hatte, war ich nach einer durchsoffenen Nacht, in aller Herrgottsfrüh‘ mit dem Mofa zu ihr gedüst. Ich hatte sie geweckt. Verschlafenen Gesichts hatte sie geöffnet.
    Mit der Auflage leise zu sein, hatten wir in der Küche gefrühstückt, sie Kaffee, ich Bier, und waren dann bei aufgehender Sonne zu einem Spaziergang aufgebrochen, während dem ich redete und redete, und sie irgendwo hinlocken wollte, wo wir es t u n hätten können.
    Über eine Wiese aufwärts steigend, hatte ich nach vorne gedeutet und gesagt: »Lass uns noch bis zu jenen Brombeerbüschen da vorne gehen.«
    Da war ihr unheimlich geworden. Sie hatte mich eine Sekunde lang schweigend angeblickt, und auf der Stelle kehrt gemacht.
    Denke ich noch einige Jahre zurück, sehe ich mich mit ihr an einen Tisch in einem Lokal sitzen, zusammen mit einer Asiatin.
    Ich hatte das Buch FAKTOTUM von Charles Bukowski dabei, und für sie exklusiv die Seite herausgerissen, wo es der Held auf der Jacht eines kauzigen, alten Mannes, beim Kartenspiel mit ihm, auf heimlich-offensichtliche Weise mit dessen beiden anwesenden Gespielinnen treibt.
    Irgendeine Bemerkung zur Servilität der Asiatinnen mochte Klarabella dann falsch verstanden haben, denn plötzlich holte sie das vorher sorgsam in der Brusttasche ihrer Bluse verwahrte Blatt Literatur hervor, und dreht es mir, wie eine geharnischte Mutter, die kräftiger als billig ihr Kind schnäuzt, ins Gesicht.
    Klarabella war eine Handbreit größer als meine Einsvierundachzig, und kräftig gebaut, sollte ich dazu sagen.
    Doch zurück: ich traf Klarabella, und wir setzten uns kurz entschlossen ins Kaffee PLATZL.
    Zuerst hieß es, auf einen Kaffee. Das Gespräch war jedoch gut, und beim dritten Bier saßen wir immer noch am Tisch. Klarabella zog plötzlich eine Broschüre hervor, auf der eine Kunstexpedition auf den Thierberg angekündigt war. Wie auf einem Kreuzweg, so hatte eine Künstlerin, anstelle der Leidensstationen des Propheten, am Gasthof Neuhaus beginnend durch den Wald, den Weg entlang zur Ruine hinauf, Kunstinstallationen angebracht. Die galt es zu erwandern.
    Klarabella meinte dazu, das Ganze starte heute am Nachmittag, sie treffe sich zwar jetzt mit jemanden, doch ich könnte mich ihr anschließen. Mit dem Auto ihres Bekannten- er sei übrigens Dichter- ginge es dann hinauf zum Gasthaus. Ich bedankte mich artig, sagte ich käme gerne mit und schloss mit einem Blick hinaus auf den Nieselregen der nun eingesetzt hatte: »Hoffentlich sind diese Kunstinstallationen nicht wasserlöslich.«
    Das fand Klarabella nicht witzig, und ich lenkte das Gespräch wieder in unverfänglichere Bahnen.
    Mit Sepp dem Dichter trafen wir uns ein Kaffee weiter: er nannte mich sofort Südstaatler, da ich einen blaue Arbeitsjacke zu einer tief in die Stirn gezogenen Schildkappe trug, und ich erlaubte mir ihn Dichter zu nennen. Tatsächlich sah er aus wie ein erfolgloser Dichter um 1800: etwa 35, das Gesicht durchpflügt von einer Millionen nutzloser Gedanken, dazu, in seltsamen Kontrast, das Haupt von güldenen Locken schwer.
    Der Dichter und ich witzelten herüber und hinüber, und Klarabella lachte einige Male schallend. Der Regen hatte zugenommen, als wir im alten Auto des Dichters die steile, gewundene Asphaltstraße zum Gasthof hinauf brummten. Wir waren keineswegs die ersten, ein kleines Völkchen war bereits unter einem Zelt neben dem Gasthaus versammelt, man zapfte Bier, es gab heiße Würstel. Wir mischten uns unter die Kunstinteressierten, und nach einigen einleitenden und wohl auch erhellend gedachten Worten der jungen Künstlerin(sie war eher klein, kompakt von Körper und ihr stumpfes Näschen zierte eine Brille, die ihr zusammen mit dem kurzen Haar ein burschikoses Aussehen verlieh) setzte sich die Prozession in Regenmänteln und mit Schirmen bewaffnet in Bewegung.
    Was an den verschiedenen Stationen im Einzelnen zu sehen war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, nur so viel: es waren Sachen aus Blech und Plastik dabei, blasphemische Motive fehlten nicht, orange gefärbter Kies lag plötzlich zu unseren Füßen, und irgendwann gelangten wir zur Ruine.
    Dort brodelte heißes Wachs in einigen Töpfen, und wir Kunstinteressierten konnten darin eintunken, was uns beliebte, damit es sich mit einer Schicht überzöge, und als Erinnerung an diesen Tag mit nach hause genommen werden konnte.
    Ich leerte die letzte Bierdose, die mir den Weg herauf ein treuer Begleiter gewesen war, und gab sie einer jungen Wachsköchin, damit sie sie auf den Fonduestab stecken und eintauchen möchte.
    Die wehrte sich. Eine Bierdose, mochte sie sich denken, wie platt. Sie sagte: »Also das, glaub’ ich, geht nicht. Da bleibt ja das Wachs nicht haften.«
    »Versuch es, Mädchen«, tönte ich, und meine Bierfahne streifte ihr schöne Lärvchen, dass sich angewidert verzog.
    »Nein. Das kann ich nicht machen.«
    »Ja, ist das hier jetzt etwas Progressives, oder nicht? Ein verkehrt herum genagelter Jesus, mit orangen Eiern, das geht, was, aber eine Bierdose eintunken nicht?«
    »Wo ist ein verkehrt herum aufgenagelter Jesus?«, fragte das Kunsthilfsmädchen entsetzt.
    »Mit orangen Bällchen«, stieß ich nach!
    »Blödsinn. Eine solche Installation ist nicht dabei.«
    »Wer weiß, mein Fräulein, aber Moment! Wenn du schon keine Bierdose eintunken magst, dann vielleicht«, und damit zerknautschte ich die Dose in meiner Hand, »dann ist vielleicht eine zerknautschte Bierdose, würdig genug für das Wachs!?«
    Das arme Ding fürchtete sich nun vor mir.
    Ich hätte sie wahrscheinlich, als Misston in der schönen Melodie dieser Prozession, heruntergeputzt, sie eine Kunstbanausin geschimpft etc., wenn nicht Klarabella plötzlich neben mir gestanden hätte, groß, 15 Kilo schwerer als ich, kräftig.
    Ihre braunen Augen maßen mich ruhig als sie sagte: »Na, Karl, Probleme?«
    In großer Heiterkeit antwortete ich: »Nein. Keine Probleme, Klarabella. Setzen wir uns nachher noch auf ein Bier ins Neuhaus?«
    »Ja. Sepp und ich hatten das vor. Du willst doch auch wieder mit uns nach Kufstein fahren, nicht?«,sprach Klarabella lauernd.
    »Ei, das wäre schön«, sagte ich und: »Ich geh’ schon einmal voraus.«
    »Wohin?«
    »Na, ins Neuhaus«, sagte ich entschieden und schritt schon den feuchten Waldweg hinab.
    In der Gaststube saß ich nicht lange alleine beim Bier, bald trudelten die, denen nach dem Kunsterlebnis noch nach Geselligkeit war, ein. Klarabellas Bruder war dabei, die Künstlerin selbst, und neben dem Dichter noch zwei, drei Personen. Wir thematisierten alles und jedes, und nichts erschöpfend.
    Wir schonten des Gerstensafts nicht, und in der Karre des Dichters ging es wieder nach Kufstein hinab. Klarabella ließ mich in ihrem Wohnzimmer schlafen, während Sepp und sie ins Schlafzimmer gingen. Nicht lange, und Klarabella begann zu Stöhnen, der Dichter nahm Maß! Da mir nicht danach war, Ohrenzeuge einer Kopulation zu werden, stand ich auf, und soff im Luckys weiter, der Bar, die um diese Zeit noch geöffnet hatte.
    Der einzige Gast war ein rauschebärtiger Wochenendalki in Arbeitskluft, mit dem ich mich nicht übel verstand.
    Als die Bar schloss, war es draußen schon hell. Wir schlurften kichernd und blödelnd, zur nächsten Tankstelle, und mit einem Dosenbier wieder stadteinwärts. Wir landeten im Bahnhofsrestaurant. Die Kellnerin mit dem kurzgeschorenen Haar und den glatten, strammen Waden bediente.
    »Ihr führt euch eh’ gut auf«, meinte sie warnend, als sie das Bier kredenzte.
    Wir nickten.
    »Wo arbeitest du eigentlich?«, fragte mich der Rauschebart.
    »Bin Schriftsteller.«
    »Ich mein, weil du eine Blaue anhast und Arbeitsschuhe.«
    »Das sind keine Arbeitsschuhe«, sagte ich ein Bein auf den Tisch legend, und setzet hinzu: »Gott, die stinken.«
    Ich zog den Schuh aus, und roch daran.
    »Wau! Dieser Gestank. Wie Jauche!«, rief ich begeistert.
    Der Rauschebart wurde neugierig.
    »Darf ich auch einmal riechen?«
    »Weil du‘ s bist«, sagte ich, und reichte ihm den Schuh.
    Er inhalierte tief.. Dann lachte er und meinte: »Das nennst du stinken?«
    Sogleich zog er einen seiner Arbeitsschuhe aus, hielt ihn wie eine Sauerstoffmaske ins Gesicht, inhalierte lang und stellte ihn dann auf den Tisch.
    »D a s nenn ich stinken«, sagte er. Und: »Riech!«
    »Weißt du was?«, entgegnete ich: »Das glaub ich dir auch so.«
    Der ausgelatschte Arbeitsschuh, mit seinen wunderlich drapierten Schnürsenkeln, machte sich gut auf dem Tisch. Er stand da, als wolle er etwas bedeuten.
    Die Kellnerin stand plötzlich vor uns.
    »Was soll das? Ihr habt gesagt ihr führt euch g’ scheit auf!«
    »Was das soll? Das ist Kunst!«, rief ich.
    »Blödsinn. Weg mit dem Schuh.«
    »Das ist kein Schuh«, begehrte ich auf, »das ist ein Readymade.«
    »Ein, was? Jetzt aber zahlen und raus mit euch.«

    Ende

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    August 11th, 2010

Karl Kinaski is a male from Austria.

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Apple seed and apple thorn; Wire, briar, limber lock, Three geese in a flock. One flew east, And one flew west, And one flew over the cuckoo's nest. ...

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